10.03.2020

Fastenserie: Weniger ist mehr - Teil 3

Quelle neuer Kraft

In der Fastenzeit steht Verzicht ganz oben auf der Liste der guten Vorsätze. Verzicht kann wehtun, aber er lohnt sich auch: Weniger kann mehr sein. Etwa in Sachen Essen. Teil 3 unserer Fastenserie.

otos: istockphoto/Jacek Chabraszewski; imago/Photocase
Fotos: istockphoto/Jacek Chabraszewski; imago/Photocase

Manchmal, erzählt Christoph Michl, bringen sich Teilnehmer zu seinen Fastenwanderungen etwas zu essen mit. Schokoriegel zum Beispiel oder Butterbrote. Weil sie Angst haben, dass sie ihren Plan nicht durchhalten: tagelang zu marschieren – und dabei auf die gewohnte Ernährung zu verzichten. Aber sobald sie in der Gruppe losgewandert sind, ist die Frage nach dem Essen bald vergessen. Weil sie sich gut unterhalten. Und weil sich ihr Körper irgendwann an den Fastenmodus gewöhnt. „Einige unterhalten sich unterwegs sogar über Kochrezepte“, sagt Michl. „Aber Hunger kriegen sie nicht.“ 

Seit mehr als drei Jahrzehnten bietet Michl (73) Fastenwanderungen an. 1984 hat er damit begonnen, er hat in Kaiserslautern ein Team von Fastenwanderleitern aufgebaut und das Thema in Deutschland bekannt gemacht. Er ist schon von der Nordsee bis zu den Alpen gelaufen, von der Ostsee bis zum Bodensee, 24 Stunden durch die Lüneburger Heide, den Jakobsweg natürlich auch. Und all das fastend. Die Verpflegung auf seinen Wanderungen sieht üblicherweise so aus: morgens Wasser und Kräutertees, Hafertee und Zitronenwasser; unterwegs dazu etwas Saft und ein Teelöffel Honig; abends Gemüsebrühe, Tee und Wasser. Sonst nichts.

„Das Fasten ist nichts Spleeniges“, sagt Michl. Der Mensch könne ungefähr 40 Tage fasten, Jesus habe das in der Wüste bewiesen. Beim Fasten würden die Reserven im Körper abgebaut, und das sei sinnvoll: „Der Verzicht auf Nahrung ist ein wesentlicher Faktor, um gesund zu bleiben.“ Er sei gut gegen die Zivilisationskrankheiten unserer Überflussgesellschaft, etwa gegen hohen Blutdruck, Rheuma, Gicht. Und er könne helfen, Süchte zu bekämpfen, nach Alkohol, Nikotin oder Tabletten.

Aber ist das nicht schwer, tagelang auf leckeres Essen und schöne Getränke zu verzichten – für den Geist und für den Körper? Er selbst, erzählt Michl, habe mit dem Fasten nie Probleme gehabt. 

Er hat in einem Buch davon gelesen, dann hat er es ausprobiert und es hat einfach funktioniert. Ohne Beeinträchtigungen, ohne Anzeichen von Schwäche. Und seine Mitwanderer? Einige von ihnen, erzählt Michl, sagten am Ende: „Der Christoph ist mit uns nie an einer Gaststätte vorbeigegangen.“ Dabei stimmte das gar nicht. Sie hatten die Gaststätte nur einfach nicht bemerkt. So fremd war ihnen der Gedanke ans Essen bald geworden.

Die Fastenwanderer denken also offenbar nicht an Kartoffeln und Möhren, Schnitzel und Pommes, Kuchen, Sahne und Süßigkeiten. Woran dann? Wie verändert der Verzicht ihre Gedanken und Gefühle? „Man nimmt etwas Abstand von sich selber und öffnet sich“, sagt Michl. „Man spürt, dass da etwas Größeres ist. Dass man nicht nur selber existiert und seine Umwelt, sondern dass da große, liebevolle Arme sind, die uns durch dieses Leben tragen. Und das sind eben Gottes Arme.“ 

Wenn Michl unterwegs ist, sucht er sich am liebsten einen Weg durch Wälder. Trinkt aus Quellen und Flüssen, pflückt Beeren und isst sie. Er spürt dann, dass er Teil einer großen Ordnung ist; ein Geschöpf Gottes, der ihm das Leben geschenkt hat und zu dem er irgendwann wieder zurückkehren wird.

Mit manch einer Gruppe, erzählt der Fastenwanderer, sei er abenteuerliche Wege gegangen und steile Abhänge heruntergeklettert. Oft hätten die Leute zu ihm gesagt, allein hätten sie sich die riskanten Stellen nie getraut: „Aber dein Gottvertrauen, das zieht uns.“ Er habe ihnen vermittelt, dass man nicht alles in den Griff bekommen muss und dass man durch das Leben auch ein wenig geführt wird. 

Stress, Unruhe und Ängste schwinden

Es ist die Mischung, die seine Touren für Michl zu einem spirituellen Erlebnis macht: das Fas-ten, das Wandern in der Natur, das Gruppenerlebnis. Diese Mischung führe dazu, dass Stress, Unruhe und Ängste schwinden, sagt Michl: „Die Freude am Leben nimmt zu, die Dankbarkeit.“ Er selbst sei so „viel ausgeglichener und harmonischer geworden. Ich kann viel mehr einstecken, als wenn ich nur in der Stube hocken würde.“ Viele seine Mitwanderer würden Schwung und Lebenskraft gewinnen, berichtet er. 

All diese positiven Wirkungen wundern ihn nicht. Schließlich hätten unsere Vorfahren vor Jahrhunderten im Winter kaum etwas zu essen gehabt, das Fasten sei also Teil ihrer Normalität gewesen, sagt Christoph Michl: „Und wenn der liebe Gott das so eingerichtet hat, dann muss das ja auch einen Sinn haben – einen Sinn über den Nahrungsverzicht hinaus.“

Andreas Lesch