14.06.2022

Bremer Komturei wird 50 Jahre alt

Von ritterlichen Idealen

Sie tragen auffällige Mäntel mit blutrotem Kreuz und spenden viel Geld für die Christen im Heiligen Land. Auch in Bremen gibt es den Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem. Ist so etwas noch zeitgemäß? Eine von vielen Fragen an den leitenden Komtur Albert Baars. 

Einzug beim Fronleichnamsgottesdienst im Bremer Bürgerpark (hier ein Archivfoto). Die festliche Kleidung, sagt Albert Baars (vorn rechts), dürfe außerhalb der Kirche nur bei kirchlichen Zeremonien getragen werden. Foto: Katholischer Gemeindeverband Bremen

„Ritter? Wo ist denn das Pferd?“ Kinder, sagt Albert Baars, fragen ganz offen. Erwachsene sind zurückhaltender, da folgen ihm eher neugierige Blicke. Baars, 51 Jahre alt, Katholik und Professor für Strömungsmechanik an der Hochschule Bremen, ist Ordensritter. Ein Ritter im geistlichen Sinne – ohne Schild, Schwert und Pferd. Dennoch fällt er auf. Angehörige des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem tragen ein blutrotes Kreuz, werden in großen Kathedralen zu Rittern geschlagen und setzen sich für Christen im Heiligen Land ein. 

In ihren wallenden Gewändern scheinen sie dem Mittelalter entsprungen zu sein. Erstaunte Blicke sind garantiert. Bei Prozessionen und in besonders festlichen Gottesdiensten hüllen sich die Männer in knöchellange elfenbeinfarbene Mäntel und tragen Barette aus schwarzem Samt. Die Mäntel der Ordensdamen sind schwarz, ebenso wie ihre Schleier. Auf allen Mänteln befindet sich das fünffache rote Jerusalemkreuz. Es stellt die Wunden Christi dar.

In der kommenden Woche hat Albert Baars gleich zweimal Gelegenheit, seinen Rittermantel aus dem Schrank zu holen. Er trägt ihn bei der traditionellen Fronleichnamsprozession im Bremer Bürgerpark – und in einem Pontifikalamt in St. Johann. Die Bremer Komturei St. Willehad feiert ihr 50-jähriges Bestehen. Komtureien sind die kleinsten Verwaltungseinheiten im hierarchischen Gefüge des Ritterordens vom Heiligen Grab. 

Der Name klingt exotisch, nach Ritualen aus grauer Vorzeit und elitärem Klub. Passt Rittertum überhaupt noch in unsere Zeit? „Ich denke schon“, sagt Albert Baars, seit zwei Jahren leitender Komtur. Er spricht von ritterlichen Idealen in neuzeitlicher Form. Moderne Ordensritter halten im positiven Sinne an Tugenden wie Großzügigkeit, Treue oder Würde fest – „eine sehr vorteilhafte Haltung für das Zusammenleben in unserer Gesellschaft“. Und sie widmen sich ihrem Auftrag, der da lautet: „Für das Heilige Land sorgen. Den Glauben bekennen. Gesellschaft und Kirche dienen.“

Eine geistliche und freundschaftlich verbundene Gemeinschaft

Ordensritter und Uni-Professor: Albert Baars
Foto: Anja Sabel

Dass dieser weltliche Orden so geheimnisvoll wirkt, liegt auch daran, dass wenig über ihn bekannt ist. Er steht unter dem Schutz des Papstes und ist eine Gemeinschaft des Betens, der Spiritualität und der Aktion. Ihm gehören Frauen und Männer an, darunter Professoren, Anwälte, Ärzte, höhere Beamte, Geschäftsleute, einige Priester. Also doch ein Eliteorden? Der Meinung ist Albert Baars nicht – auch wenn man nicht mittellos sein sollte. Der Jahresbeitrag ist zwar niedriger als in manchem Tennisclub, aber darüber hinaus werden großzügige Spenden erwartet. Mit diesem spürbaren Opfer fördern die Ritter die kleine Minderheit der katholischen Christen im Heiligen Land und finanzieren karitative – auch interreligiöse – Projekte in Jerusalem, Palästina und Jordanien.

Die Komturei Bremen hat rund 20 Mitglieder, davon ist ein Drittel Frauen. Albert Baars wurde vor zehn Jahren aufgenommen. Sich um eine Mitgliedschaft im Orden zu bewerben, ist nicht möglich. Es sind die Damen und Ritter selbst, die geeignete Kandidaten vorschlagen. „Natürlich wird viel über uns spekuliert“, sagt Albert Baars. Aber er versichert: „Wir sind alle geerdet – eine geistliche und freundschaftlich verbundene Gemeinschaft, die sich für Menschen einsetzt.“ Die feierliche Aufnahme, Investitur genannt, ist ein unvergesslicher Augenblick. Man kniet vor dem Großprior nieder – in Deutschland ist das Kardinal Reinhard Marx –, der mit dem Investiturschwert die Schultern zum Ritterschlag berührt.

Als leitender Komtur in Bremen legt Albert Baars das Jahresprogramm fest, organisiert regelmäßige Treffen und jetzt auch das Jubiläum mit rund 100 Gästen, einem Festessen und einer Orchestermesse. So anschaulich wie über den Ritterorden erzählt der promovierte und habilitierte Maschinenbauer auch über seinen Beruf. Als Strömungsmechaniker im Studiengang Bionik untersucht Baars, wie sich Phänomene aus der Natur auf die Technik übertragen lassen. Als leicht verständliches Beispiel nennt er den Lotos-Effekt: Wie lässt sich eine selbstreinigende Oberfläche entwickeln ähnlich der der Lotuspflanze? Das Wasser perlt in Tropfen oder rutscht von den Blättern ab und nimmt dabei alle Schmutzartikel auf der Oberfläche mit.

Albert Baars wirbt für Vielfalt. „Wir dürfen durchaus divers sein“, sagt er über den Ritterorden. „Daraus entstehen doch erst die spannenden Gespräche – vorausgesetzt, wir tolerieren uns und interessieren uns füreinander.“

Anja Sabel


Zur Sache

„Deus lo vult – Gott will es!“: Die Devise, unter der einst Ritterheere aufbrachen, um das Heilige Grab zu „befreien“, ist noch heute das Leitmotiv der Ordensritter vom Heiligen Grab zu Jerusalem. Ihr Erkennungszeichen, das fünffache Jerusalemkreuz, stammt aus dem Wappen des Kreuzfahrers Gottfried von Bouillon, der 1099 Jerusalem eroberte. 

Dennoch hat der Ritterorden mit den Kreuzzügen nichts zu tun. Er geht zurück auf die Zeit danach, als das Heilige Land wieder von den Muslimen beherrscht wurde. Der Franziskanerorden erhielt damals die Erlaubnis, die heiligen Stätten des Christentums zu bewahren, allen voran die Grabeskirche. Adelige Pilger begründeten dort im 14. Jahrhundert den Brauch, sich am Grab zu Rittern schlagen zu lassen.  

Die kirchliche Laienvereinigung ist heute weltweit mit mehr als 50 Statthaltereien vertreten. An der Spitze des Ordens in Rom steht ein Kurienkardinal als Kardinalgroßmeister und in Jerusalem der Lateinische Patriarch als Großprior.

Seit 1888 können auch Frauen mit gleichen Rechten und Pflichten aufgenommen werden. In Deutschland hat der Orden derzeit gut 1400 Mitglieder. Sitz der deutschen Statthalterei ist Köln. Es gibt sechs Ordensprovinzen mit insgesamt 38 Komtureien.

Zur Ordensprovinz Norddeutschland gehören die Komtureien St. Alfrid Braunschweig, Bischof Willehad Bremen, St. Ansgar Hamburg, St. Oliver Hildesheim und St. Wiho Osnabrück-Vechta. Die Bremer Komturei feiert am Samstag, 18. Juni, ihr 50-jähriges Bestehen. Es findet ein Pontifikalamt mit Bischof Franz-Josef Bode um 11 Uhr in der Propsteikirche St. Johann statt.