06.06.2018

Wie sieht die Pflege von morgen aus?

Wenn die Pflegerin auch das Brot bringt

Die Menschen werden immer älter, aber immer weniger junge Menschen können sie versorgen. Pflegeexperte Martin Schnellhammer hat diese Entwicklung im Blick. Er entwirft zukunftsweisende Projekte für Haushalt und Heim – auch mit Tablets und Robotern.

Wie sieht die Situation in der Pflege aus? Wo liegen Herausforderungen für die Zukunft?  

Die Menschen werden immer älter. Dadurch wird die Zahl der Pflegebedürftigen ansteigen. Gleichzeitig gibt es aber immer weniger junge Menschen, die sie versorgen können: Wir haben eine starke Zunahme von Hochbetagten ohne Kinder in der Nähe. Auch durch die zunehmende Berufstätigkeit stehen viele Frauen für die Pflege von Angehörigen nicht mehr zur Verfügung. In 15 Jahren werden wir nur noch wenige Hausfrauen unter 67 haben. Dazu kommt fehlender Nachwuchs und ein hoher Krankenstand in den Pflegeberufen. Wir überfordern professionell Pflegende und pflegende Angehörige. Hier brauchen wir dringend Entlastung und Generationengerechtigkeit. 

Eine weitere große Herausforderung ist die Digitalisierung, die Prozesse und Abläufe verändert. Die Entwicklung geht rasant. Hier müssen wir die Menschen mitnehmen – Pflegekräfte und Pflegebedürftige. Im „Living Lab“ stoßen wir Pilotprojekte an, um Stress in der Alten- und Krankenpflege zu reduzieren und pflegebedürftigen Menschen Hilfen anzubieten. Wir brauchen einfach mehr Antworten auf die demografischen und sozialen Veränderungen.

Was für Projekte sind das – zum Beispiel für den privaten Haushalt? 

Hier gibt es viele verschiedene Ansätze. So kann auch eine Kirchengemeinde helfen, pflegende Angehörige zu entlasten und Senioren aus der Einsamkeit zu holen. Sie hat oft ein sehr gut funktionierendes Netzwerk von Ehrenamtlichen und Nachbarschaftshelfern. Im Projekt „Sozialer Landkreis“ haben wir festgestellt, dass die Kirchengemeinden noch aktiv sind, wenn der Lebensmittelladen im Dorf schon geschlossen hat. So sind auch Seniorennachmittage oder Kirchencafés enorm wichtig, weil sie die Begegnung von Menschen ermöglichen. 

Aber auch andere Unternehmen müssen wir mit ins Boot holen. Ein Anreiz wären neue Geschäftsmodelle. Warum soll nicht die Apotheke mit dem Pflegedienst einen Lieferservice aufbauen oder auch Einkäufe mitbringen, wenn sie ohnehin Medikamente liefert? Mit einer Sparkasse haben wir auch die Idee entwickelt, dass der Mahlzeitendienst „Essen auf Rädern“ Menschen auf Wunsch mit Bargeld versorgt, weil der nächste Bank­automat für sie zu weit entfernt ist. Das können Internetbanken nicht. Und für Besucher einer Tagespflege haben wir die Möglichkeit eines Wäschepaketes geschaffen: Sie können die schmutzige Wäsche abgeben und werden im Umlaufverfahren wieder mit frischer Kleidung versorgt. Einige Pflegedienste bringen auch die Medikamente mit und kürzlich hörte ich von einer Sozialstation, die Brötchen mitbringt. Diese kleinen Hilfen bringen Lebensqualität und erleichtern den Alltag, deswegen müssen sie zur Regel werden. 

Wird diese Unterstützung angenommen?

Die Entwicklung läuft eher schleppend. Das ist bei uns eine Mentalitätsfrage. Für Dienstleistungen, die bislang eher von Hausfrauen erbracht wurden, sind viele Deutsche nicht bereit, Geld zu bezahlen. Darüber hinaus erwarten wir noch zu sehr personenbezogene Zuwendung, da dies ja auch im Elternunterhalt in Deutschland so geregelt ist. Gerade im privaten Umfeld tun wir uns noch sehr schwer mit Veränderungen und technischen Lösungen. Von einem praktisch flächendeckenden Wäscheservice für Pflegebedürftige sind wir noch weit entfernt. In Dänemark ist das normal. Aber gerade das wäre oft eine merkliche Entlastung für die Angehörigen. Ein erster Erfolg ist der Hausarzt mit Telemedizin. Das wird erstaunlich gut angenommen, weil die Menschen erleben, dass durch die Technik mehr Zeit zur Verfügung steht.

Wie können Senioreneinrichtungen und Pflegedienste entlastet werden?

Die Technik bietet hier bereits viele Möglichkeiten. So erprobt derzeit der Caritaspflegedienst Fürstenau im Osnabrücker Land die Bildschirmpflege: Mit Hilfe von Tablet-PC und selbstauswertenden Geräten werden die Daten direkt an Hausarzt oder Pflegedienst übermittelt. Sie werden so von Routineaufgaben entlastet, haben den Patienten aber im Blick und können ihre Abläufe besser anpassen und schneller reagieren. 

Darüber hinaus haben wir im Emsland das Projekt „help4work“ eingeführt. Dabei haben wir die Pflegekräfte mit Tablet-Computern ausgestattet und dezentral Räume angemietet, so dass sich die Fahrtzeiten reduzieren. Digital können die Pfleger dann auf Akten und Daten zugreifen und per Skype-Konferenz an der Teambesprechung teilnehmen. Die Dokumentation können sie direkt ins Tablet diktieren statt alles aufzuschreiben, was vielen Pflegern die Arbeit sehr erleichtert. Wir müssen die Mitarbeiter in ihren Sorgen ernst nehmen und sie schulen, dass sie mit der neuen Technik gut und entlastend zusammenarbeiten können.

Wie ist das mit dem Datenschutz?

Das ist natürlich ein großes Thema. Einerseits kann WhatsApp alle unsere Kontaktdaten auslesen, andererseits können Pflegedienste und Apotheken nicht auf den elektronischen Medikamentenplan zugreifen und der Notarzt kann die Patientenakte nicht einsehen. Sinnvolle technische Möglichkeiten werden ausgebremst, während die Internetgiganten wie Amazon und Facebook viele sensible Daten über uns sammeln und auswerten, ohne dass wir wissen, was damit geschieht.

Welche Hilfe bietet die moderne Technik darüber hinaus?

Es gibt auch im Bereich der Lagerung von Patienten innovative Ansätze: So werden im asiatischen Raum hierfür bereits Roboter eingesetzt. Darüber hinaus hat eine Schweizer Firma eine Matratze entwickelt, die Mikrobewegungen auswertet und Alarm schlägt, wenn der Patient sich zwei Stunden lang nicht bewegt hat und umgelagert werden muss. Das ist eine sehr hilfreiche Technik und sie wird auch bei uns kommen. Aber unsere Systeme müssen noch viel flexibler werden, dass sich die Anschaffung dieser Techniken für Einrichtungen auch lohnt. Interview: Astrid Fleute

Martin Schnellhammer leitet in Osnabrück das „Living Lab“, das Lebendige Labor für die Pflege der Zukunft. Foto: Astrid Fleute