15.06.2020

Eine Kur beantragen - aber wie?

Wie Familien wieder Kraft schöpfen

Auftanken vom anstrengenden Familienalltag – das wünschen sich derzeit viele erschöpfte Mütter und Väter. Viele Kurkliniken haben aber noch geschlossen. Was tun?

Bei vielen Eltern liegen die Nerven blank. Seit Wochen jonglieren sie zwischen Kinderbetreuung und Berufstätigkeit, sind an vielen Fronten im Einsatz. Sie ersetzen Lehrkräfte und Erzieherinnen, Freunde und Mitschüler, motivieren, erklären, trösten und beschäftigen. Dazu kommen gegebenenfalls finanzielle Engpässe, fehlende Tagesbetreuung für pflegende Angehörige und berufliche Aufgaben und Anforderungen, die im Home-Office geleistet werden müssen. Das alles hinterlässt bei vielen Eltern Spuren. Eine Kur könnte helfen, die Akkus wieder aufzuladen. Aber derzeit sind viele Einrichtungen noch geschlossen. Regina Bauhof von der Kurberatung des Caritas­verbandes im Erzbistum Hamburg berät Betroffene und gibt Tipps, wie Kuren auch in Corona-Zeiten in die Wege geleitet werden können.

Viele Kliniken sind noch geschlossen, Kuren für Mütter, Väter und pflegende Angehörige wurden abgesagt. Wie läuft die Kurberatung weiter?
Es werden derzeit nur telefonische Beratungen durchgeführt, wobei wir merken, dass die Nachfrage stark nachgelassen hat. Das liegt aber nicht daran, dass der Bedarf zurückgeht – ganz im Gegenteil! Aber die Familien haben im Moment andere Dinge im Kopf und ganz einfach keine Zeit, sich um einen Kurantrag zu kümmern. Daher sind wir gerade hauptsächlich damit beschäftigt, Kuren zu bearbeiten, die schon terminiert waren aber abgesagt oder abgebrochen wurden. Hier müssen neue Termine vereinbart und Kostenzusagen verlängert werden. Wir sind als Ansprechpartner auf jeden Fall weiter da, haben ein offenes Ohr und kümmern uns um die Nöte der Familien.
 

Erwarten Sie in Zukunft  einen höheren Bedarf? 
Mit Sicherheit ist ein hoher Bedarf da. Damit rechnen eigentlich alle. Es wird nur schwer, darauf zu reagieren. Die Auslastung der Einrichtungen ist ohnehin sehr hoch und nun müssen ausgefallene Kuren noch nachgeholt und dazu strengere Auflagen erfüllt werden. Wir sind jetzt schon bei 2021 in der Belegung. Kurzfristig wird für Familien kein Platz zu finden sein, sie müssen mit langen Wartezeiten rechnen. 
Sollen Betroffene jetzt  trotzdem einen Antrag stellen?
Auf jeden Fall! Ich habe auch schon Zusagen erhalten. Je länger man wartet, desto später wird es, für 2021 noch einen Platz zu bekommen. Die Krankenkassen bearbeiten die Anträge ganz normal weiter. 

Wo bekommen Familien Hilfe?
Eine Kurberatung wird von Wohlfahrtsverbänden wie der Caritas, der Diakonie, dem Müttergenesungswerk oder dem Deutschen Roten Kreuz angeboten. Leider ist sie immer noch keine Refinanzierung. Daher mussten in den letzten Jahren Beratungsstellen geschlossen werden oder Stellen wurden nicht wieder besetzt. Es kann also zu Engpässen kommen und die Situation vor Ort ist unterschiedlich.
Es gibt aber immer auch die Möglichkeit einer telefonischen Beratung. Ein direktes Gespräch ist zwar vorteilhaft, aber wenn dies vor Ort nicht möglich ist, kann das Telefon eine gute Alternative sein. Das hat in den letzten Wochen ganz gut geklappt.


Was kann Betroffenen jetzt helfen, wo die Kur noch in weiter Ferne ist?
Schon die Aussicht auf eine Kur macht oft Mut, die Zeit zu überstehen. Daher sollte man ruhig einen Antrag stellen, um einen Lichtblick am Horizont zu haben. Wir erhalten zwar überwiegend Rückmeldungen, dass die Familien noch gut zurechtkommen, manche stoßen aber an ihre Grenzen. Dann machen wir Mut, den Blick auf das Positive zu richten und auch jetzt schon etwas für sich zu tun. Eine kleine Auszeit am Tag oder eine sportliche Aktivität wären hier zum Beispiel gute Möglichkeiten.

Die jährliche Sammlung für das Müttergenesungswerk wurde auf den Herbst verschoben. Wie wichtig ist das Geld?
Diese Gelder sind wichtig, um bedürftigen Familien Zuschüsse geben zu können, zum Beispiel für den zu zahlenden Eigenanteil oder den Koffertransport, der nicht von den Kassen übernommen wird. Auch ein kleines Taschengeld können wir damit zahlen oder die Fahrtkos­ten vorstrecken. Das sind alles Kosten, die Geringverdiener abschrecken, eine Kur überhaupt zu beantragen. Das Geld wird also ausschließlich dafür genutzt, bedürftige Familien zu unterstützen. Alle Beratungsstellen sind sehr dankbar dafür. 

Interview: Astrid Fleute

www.caritas.de/hilfeundberatung/onlineberatung/kurberatung/start
www.muettergenesungswerk.de/kur-fuer-mich/beratung/