24.07.2020

Kirche und Corona (2)

Wie soll es weitergehen?

Auch wenn die Krise noch andauert, wollten wir von führenden Köpfen im Bistum wissen, welche der Corona-Erfahrungen sie beibehalten wollen und wie es mit der Kirche in Zukunft weitergehen kann. Das Statement von Reinhard Molitor, Mitglied des Domkapitels.

An Kraft zunehmen und an Wichtigkeit verlieren

Reinhard Molitor

Nein, diese Aufgabe ist mir zu groß dachte ich mir. Ich mit meiner kleinen Perspektive als Priester mit Aufgaben am Dom und im Bistum, in der Ökumene, im Kolpingwerk und in einer Kirchengemeinde am Rande der Stadt soll darüber sinnieren und schreiben, was „die Kirche“ in der Corona-Zeit gelernt hat? Und außerdem: Die Corona-Zeit ist ja weiß Gott noch nicht vorbei. Wir sind noch mittendrin. 

Und so beschränke ich mich auf ein paar sehr persönliche Eindrücke.

Also: Vor der Corona-Krise hatte ich eine gesundheitliche Krise. Ich konnte gar nicht mehr laufen, hatte sehr große Schmerzen. Gute Ärzte, eine gute Physiotherapie und eine gute Klinik haben mir geholfen. Der markante Satz des behandelnden Arztes ist mir sehr im Kopf und im Herzen geblieben: „Herr Molitor, Sie müssen an Kraft zunehmen und an Gewicht ab.“

Dieser Satz kam mir jetzt wieder in den Sinn. Gilt das nicht auch für die Kirche? An Kraft zunehmen und auf vermeintliche Wichtigkeit verzichten! Mehr Demut als Machtgedanken, mehr Wahrhaftigkeit als Imagepflege, mehr hören als reden, mehr bei den Menschen, vor allem bei den Armen sein als bei sich selbst! 

Weniger Ballast kann sehr hilfreich sein. Das kann ich im Bezug auf das Gewicht jetzt erfahren und bin dankbar dafür. 

Und übertragen auf die Kirche: Die krassen Austrittszahlen sprechen für sich; und zuletzt auch die beißende, aber offensichtlich sie selber schmerzende Kritik der beliebten Komikerin Carolin Kebekus an ihrer Kirche, an der sie trotz ihres Austritts hängt, machen deutlich, wie wichtig eine Neubesinnung der Kirche ist. So gern würde ich mit ihr und anderen darüber streiten und sprechen. 

Ja. Mag der „Synodale Weg“ für Besserwisser auch ein Wortungetüm sein, die „Kirche der Beteiligung“ ein frommer Wunsch, die „Kirche nah bei den Menschen“ eine Illusion: Wir brauchen all dies. Und die Menschen brauchen Trost, keine Vertröstung. Eine Kirche im Heute, nicht für die Gestrigen. 

Zum Schluss möchte ich einige Gedanken zitieren, die mich sehr bewegt haben und weiter bewegen, Sie stammen aus einem Gebetsheft, das in der Christus-König-Kirche in Haste zu Ostern auslag.

„An Tagen wie diesen, an denen wir spüren, wie verletzlich wir sind ... können wir versuchen, dem verborgenen Gott zu begegnen. Ihm alles hinhalten, was uns ängstigt und sorgt. Ihm die Menschen anvertrauen, die krank sind oder isoliert, alle, die sich sehnen nach Licht in ihrer Finsternis.“

Zusammengefasst: Demut lernen. Hören lernen. Sehnsucht lernen. Damit Glaube, Hoffnung und Liebe sich in unserer Kirche als systemrelevant erweisen können.