26.07.2020

Kirche und Corona (4)

Wie soll es weitergehen?

Auch wenn die Krise noch andauert, wollten wir von führenden Köpfen im Bistum wissen, welche der Corona-Erfahrungen sie beibehalten wollen und wie es mit der Kirche in Zukunft weitergehen kann. Das Statement von Martin Bruns, Leiter des Forum am Dom, einer Einrichtung für Menschen, die Kontakt zur Kirche suchen.

Auch die Kirche braucht eine „Aufräumphase“

Martin Bruns

Eine neue Gleitsichtbrille sitzt nun auf meiner Nase. Am ersten Tag dachte ich: Die passt gar nicht. Sitzt nicht richtig. Lässt mich stolpern. Optiker und Freunde sagten mir, das sei normal.
Und die Corona-Optik? Nichts ist mehr normal. Die Erfahrungen der letzten Monate haben unser Leben radikal auf den Kopf gestellt, haben unsere Perspektive durchgewirbelt. Manches sehen wir mit anderen Augen.

Der Lockdown zwang zu schnellem Handeln. Das Forum am Dom schließen. Alles wurde abgesagt: Veranstaltungen, abgebrochene Großprojekte wie die „Lange Nacht der Kirchen“, outdoor-Installation „streetartbibel“ abgesagt … Covid-19 machte unsere Projektplanung wie überall im Lande zunichte. Ein Passantenprojekt ohne Passanten? Das Forum ein Stillleben? Die Aufgabe hieß nun: die Reißleine ziehen, unfreiwillig in Klausur gehen, die Perspektive wechseln.

Die Corona-Zeit kann unseren Blick schärfen. Wie in einem „Brennglas“ deckt Corona schonungslos längst geahnte Problemfelder und gesellschaftliche Schwachstellen auf, nicht nur in der Fleischindustrie. Corona wirkt wie eine Sehhilfe, schärft den Blick für Probleme, Notlagen und Sollbruchstellen in allen Bereichen unseres Sehfeldes. In der Nahsicht meines persönlichen Lebens: Was ist mir wirklich wichtig? Was trägt? In der Weitsicht unserer Lebensbereiche. Nicht die Probleme sind neu, sondern sie rückten in den Fokus, bekamen neue Aufmerksamkeit.

Gibt es einen kirchenspezifischen Blick auf die Corona-Pandemie? Kann die Kirche aus der Zeit etwas lernen? Viele haben während der Corona-Pandemie ihre Wohnung aufgeräumt, sich von altem Ballast getrennt, sich sportlich bewegt, das Umland erkundet, wieder selbst gekocht. Ein Run auf Baumärkte. Corona hat Kirche (und Gesellschaft) gezwungen, kreativ zu werden: online-Impulse, Teledienste, digitale Rundgänge, streaming-Gottesdienste landauf, landab. Mehr noch gilt für die Kirche: sich bewegen, aufräumen und neu gestalten. Auch die Kirche braucht eine „Aufräumphase“.

Und auch dies: Corona schärft den Blick für vorhandene Ressourcen. Wir können kreativ, fantasievoll und aufmerksam sein. Wir haben als Menschen die wunderbare Fähigkeit, uns auf neue Situationen einzustellen. Corona zeigt eben auch: Wir haben Ressourcen, Krisen kreativ zu bewältigen. Während eines Krankenhausaufenthalts in dieser Zeit war ich beeindruckt vom Engagement und dem internen Management im Hospital. „Die haben da einen super Job gemacht“ sage ich mit allem Respekt. Krisenmanagement auf höchstem Niveau. 

Die Krise mit ihren belastenden Folgen ist nicht vorbei. Die Corona-Zeit kann eine Sehhilfe sein.

Trauen wir uns, jetzt ganz genau hinzuschauen. Eine neue Brille der Achtsamkeit wünsche ich uns, nicht nur in der Kirche. Notwendig in dieser Corona-Optik ist eine neue Achtsamkeit. Die evangelisch-lutherische Marienkirche in Osnabrück begrüßt ihre Gäste sympathisch: „Wir achten aufeinander“. Meine Corona-Erfahrung: achtsam leben.