02.08.2018

Im Alltag Freiraum schaffen - aber wie?

Wieder mehr Zeit für die Familie haben

Vielen Eltern und Kindern fällt es zunehmend schwer, sich Zeit füreinander zu nehmen und diese mit Leben zu füllen. Wer jedoch die richtigen Prioritäten setzt, kann sich auch im Alltag den nötigen Freiraum schaffen. 

Belastungen von Eltern wirken sich deutlich auf die Lebenszufriedenheit der Kinder aus. Kinder, die von ihren Eltern nur wenig Beachtung erhalten, zeigen sogar  deutliche Verhaltensauffälligkeiten. Das hat eine aktuelle Studie der Universität Bielefeld ergeben. So hat bei unter Stress stehenden Eltern nur etwa jedes fünfte Kind angegeben, mit seinem Leben zufrieden zu sein. Bei moderat belasteten Eltern sind es hingegen mehr als ein Drittel. Die Mehrheit der befragten Kinder wünscht sich, dass die Eltern mehr Zeit mit ihnen verbringen. Auch von den Eltern hätten rund 60 Prozent gerne mehr Zeit für die Familie. Wie kann das gehen? Fragen an Birgit Westermann, Leiterin der Erziehungsberatungsstelle des Bistums in Osnabrück.

Sieht die Situation der Familien heute wirklich so düster aus?

Die Situationen sind so unterschiedlich wie die Menschen. Aber durch die häufige Berufstätigkeit beider Eltern ist sicher mehr Stress und Zeitdruck im Familienleben entstanden. Bei den einen mehr, bei den anderen weniger. Nehmen wir nur mal die Ferienzeit: Früher war das eine garantierte Zeit für Muße und Erholung. Heute sind Ferien für viele Familien eine organisatorische Stresszeit. Nicht selten müssen sich die Eltern mit ihrem Urlaub abwechseln oder für mehrere Wochen um eine externe Betreuung bemühen. Bei Trennungsfamilien muss geklärt werden, wie der Urlaub aufgeteilt wird. Da ist es manchmal schwer, die gute Laune zu behalten. Aber wenn es gut läuft, sind die Ferieneine exzellente Möglichkeit für intensive Beziehungspflege.

Wie können Familien denn auch im Alltag mehr Zeit füreinander finden?

Es geht in erster Linie um die richtige Haltung. Eltern müssen sich bewusst werden, wie kostbar und wichtig gemeinsame Zeit für die Eltern-Kind- und auch für die Paar-Bindung ist und wie oft sie einem streitig gemacht wird. Denn nur über Zeit erfahren wir die Nähe und Verfügbarkeit der anderen. Das ist die Voraussetzung dafür, dass wir die richtigen Prioritäten setzen und verantwortlich mit unserem Zeitbudget umgehen. Wenn wir alles gleich wichtig nehmen, alles machen wollen, was die bunte Welt so bietet, dann gehen die Kinder unter. 

Was kann ein erster Schritt in diese Richtung sein?

Eltern sollten sich vornehmen, die typischen Zeit- und Energieräuber ihres Alltags auszuschalten. Das können Personen sein, die uns zu einer ungünstigen Zeit in ein Gespräch verwickeln wollen, die Kinder aber warten. Auch ungelöste Konflikte rauben uns die Energie, weil sie im Kopf herumschwirren. Manchmal reicht ein kurzes Ansprechen, um Dinge zu klären und wieder befreit aufatmen zu können. Das wird oft unterschätzt, aber Kinder merken, ob man wirklich  präsent oder mit den Gedanken woanders ist. Wenn man sich schon Zeit für die Familie freischaufelt, dann sollte man sie auch qualitativ gut nutzen.

Im stressigen Familienalltag mehr Zeit freischaufeln – wie kann das gehen?

Auch hier gilt es, den Fokus vom Effektivitätsmodus auf den Beziehungsmodus umzustellen. Egal ob es um den Haushalt, das Aussehen oder um Erledigungen geht: Es muss nicht alles perfekt sein. Ich muss nicht alle Menschen mit meiner Hilfsbereitschaft versorgen, jedes Mal einen Kuchen fürs Schulfest backen, alles organisieren, auch noch das letzte Staubkorn wegputzen, und ich muss auch nicht immer perfekt aussehen. Eltern dürfen auch mal fünf gerade sein lassen, aber nicht darin nachlassen, die Gefühle und Interessen ihrer Kinder zu erspüren. Übrigens: Für die letzten zehn Prozent des Perfektheitsanspruches braucht man fast die doppelte Zeit. Ein eleganter Durchschnittsanspruch reicht vollkommen aus. 

Wie können Familien gemeinsame Zeit sinnvoll nutzen?

Da gibt es jede Menge Möglichkeiten. Familien können den Urlaub gemeinsam vorbereiten und planen, dann bleibt er oft in besonders schöner Erinnerung. Jede gemeinsame Unternehmung ungewöhnlicher Art schweißt zusammen, Väter können mit Kindern heimlich ein Geschenk für die Mutter basteln, Familien können im Wald oder am Meer Dinge sammeln, über gelesene Bücher sprechen oder bestimmte Sportleidenschaften teilen. Auch kann man als Eltern und Kinder etwas für andere tun, im größeren Kreis der Familie oder auch in ehrenamtlichen Bezügen. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt und Erwachsene dürfen da auch Ideen umsetzen, die ihnen selber Spaß machen. 

Wenn  sich  so  etwas  wie  das  Gefühl  von Zeitvergessenheit – der alte Begriff heißt Muße – einstellt, dann ist man auf dem richtigen Weg. Das ist ein Zustand, den Erwachsene heute manchmal gar nicht mehr kennen, Kinder aber schon. Hier können wir sehr viel von ihnen lernen.

Haben Sie Tipps für die Urlaubszeit?

Egal, ob zu Hause oder in der Ferne: Gestalten Sie diese Zeit so, dass sie eine gute Mischung aus den verschiedenen Interessen ist. Mit viel Zeit füreinander und wenig Zeit mit digitalen Endgeräten. Denn auch Fernsehen und Handy sind heute in den Familien große Zeiträuber. Schöne Gesellschafts- oder auch Kartenspiele dagegen können die Abende des Urlaubs tage- und wochenlang versüßen. 

Interview: Astrid Fleute