06.10.2022

Besondere Stadtführung in Nordhorn

Wo sich die Armut versteckt

Eine Stadtführung jenseits geschichtsträchtiger Bauten, hübsch dekorierter Schaufenster und neuzeitlicher Attraktionen: Ein Armutsspaziergang hat Seiten von Nordhorn aufgezeigt, die in keiner Tourismusbroschüre auftauchen.

Wenn der Kühlschrank kaputtgeht, kann das zur Katastrophe führen: Szene vom Armutsspaziergang durch Nordhorn. Foto: Christiane Adam

Zu diesem Armutsspaziergang hat das Compass-Diakonie-Caritas-Haus in Zusammenarbeit mit der AG Caritative Dienste in Nordhorn eingeladen. „Kann man in einem Sozialstaat wie dem unsrigen überhaupt von Armut sprechen?“ Diese Frage warf Hermann Josef Quaing, Geschäftsführer des Caritasverbands für die Grafschaft Bentheim, am Beginn des Stadtteilspaziergangs auf. Zwar versterbe niemand in Deutschland direkt an Armut, aber von den indirekten Folgen durch die soziale Ausgrenzung und den finanziellen Druck seien Menschen auch bei uns betroffen. 

Nachdem Start an der Bentheimer Torbrücke führte es die Gruppe weiter an den Europaplatz. Dieser Platz, an dem mehrere Geldinstitute liegen, stand symbolisch für das Thema Schulden. Fabian Hermes vom Caritasverband erläuterte den Teufelskreislauf der Überschuldung. „Wer überschuldet ist, kann schneller krank werden und läuft Gefahr, sozial ausgegrenzt zu werden.“ Während des Armutsspaziergangs wurden an jeder Station allerdings nicht nur die Probleme benannt, sondern die Einrichtungen stellten auch vor, welche Hilfestellungen sie jeweils anbieten.

So auch Marco Beckhuis, Leiter des Wohnheims „dat hus“, einer besonderen Wohnform mit psychiatrischer Nachsorge. Auch hier spielt das Thema Armut eine Rolle. Die 22 Bewohner leben in der Regel von der Grundsicherung. Hier werden sie auf ein eigenständiges Leben vorbereitet. Jedoch: Es fehlt an bezahlbarem Wohnraum, ein grundsätzliches Problem, das sich durch den gesamten Armutsspaziergang zog. Ebenso fehle es für die Klientel an passenden Arbeitsplätzen und einem ausreichenden sowie preisgünstigen öffentlichen Nahverkehr, hieß es.

Ein kaputter Kühlschrank ist eine finanzielle Katastrophe

Insbesondere fehlenden Wohnraum thematisierte Monika Strieker vom Sozialdienst katholischer Frauen (SkF). Dies sei ein Grund, weshalb Frauen (und auch Männer), die von häuslicher Gewalt betroffen sind, oftmals länger in ihrer Partnerschaft verbleiben, als sie möchten. „Viele planen ihre Flucht heimlich, bis sie endlich wissen, wo sie hinkönnen“, schilderte Strieker. Dabei habe sich die Zahl der Hilfesuchenden seit Mai im Vergleich zu den Vorjahren verdoppelt. Besonders tragisch sei, dass viele, die aus einer gewalttätigen Beziehung fliehen, zuvor keine finanziellen Probleme hatten, nun aber doch in die Armut rutschten. Zum Schluss ein Appell Striekers an die Politik: „Ich träume von einem Haus für wohnungslose Frauen!“

„Mir geht es gut. Ich habe ein Auto, ich kann in den Urlaub fahren“ – so stellte sich Sonja Wasmer vom evangelisch-lutherischen Diakonischen Werk an der Prollstraße vor. Wer allerdings zu ihr in die allgemeine Sozialberatung komme, lebe von der Hand in den Mund. „Wenn der Kühlschrank kaputtgeht, ist das eine finanzielle Katastrophe. Dann muss ein Darlehen beim Jobcenter beantragt werden, und die Raten gehen monatlich von der Grundsicherung ab“, schilderte sie alltägliche Szenarien.

Sie rechnet mit vermehrten solcher Katastrophen durch die steigenden Energiepreise. Wer in prekären Verhältnissen lebt oder gar keine Wohnung mehr hat, findet tagsüber einen Anlaufpunkt beim Tagesaufenthalt an der NINO-Allee. „Hier können sich die Menschen duschen, ihre Wäsche waschen, ein Essen zubereiten, ihre Post hinschicken lassen oder auch einfach nur ausruhen“, erläutert Hildegard Nyboer die Möglichkeiten dieser Einrichtung in Trägerschaft des evangelisch-reformierten Diakonischen Werks. „Es ist viel Beziehungsarbeit, die hier stattfindet“, betont sie. 

Das Compass-Diakonie-Caritas-Haus war die letzte Station des Armutsspaziergangs durch Nordhorn. Angelika Arens vom Kreuzbund nutzte die Gelegenheit, den Zusammenhang zwischen Alkoholabhängigkeit und Armut aufzuführen. „Wir werden nicht müde, die Probleme, aber auch die Hilfestellungen in die Politik zu tragen“, gab Caritas-Geschäftsführer Quaing den Teilnehmern mit.

Christiane Adam